Moment mal...
Mit großem Zeigefinger

Michael Bracht

Grünewald und der Isenheimer Altar – das ist ein Begriff.

Wenn der Altar verschlossen ist, zeigt er in der Mitte ein Bild des Karfreitags. Riesig ragt vor einer dunklen, leeren Landschaft ein Kreuz auf, an das der entstellte Leib Christi geschlagen ist. Zu seinen Füßen Johannes der Täufer: Barfuss ist er dargestellt, schriftkundig (das aufgeschlagene Alte Testament in der linken Hand), im härenen, aber leuchtenden Gewand.

Auf dMatthias-Gruenewalden Hintergrund hat der Maler in lateinischer Sprache ein Wort des Täufers aus dem Johannesevangelium (3,30) geschrieben: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“.

In der großen Gebärde des Von-sich-weg-Weisens und des auf Jesus Hinweisens offenbart sich das Wesen des Täufers: Er ist der letzte der Propheten in der Zeit des Alten Bundes, steht an der Schwelle vor einer Zeitenwende.

Johannes – er wollte nichts sein als Fingerzeig auf seinen Herrn, den Mensch gewordenen Gottessohn, der zum Heiland aller wird, indem er die Schuld der Welt auf sich nimmt und ans Kreuz trägt.

Interessant ist auch noch, dass der Tag der Geburt Christi (25. Dezember) einer der kürzesten und dunkelsten Tag des Jahres ist. Ab dann werden die Tage wieder länger und das Licht „wächst“. Der Tag der Geburt Johannes des Täufers, der 24. Juni, gilt als einer der längsten Tage im Jahr. Ab diesem Zeitpunkt „nimmt“ das Licht langsam wieder „ab“.

Auch hier: „Jener muss wachsen, ich aber abnehmen.“

Herzlich grüßt Sie, liebe Leserinnen und Leser,
Ihr Michael Bracht, P.



Gemälde: Matthias Grünewald, Isenheimer Altar
(Ausschnitt), 1512-1516